Paradigmenwechsel
Programmatic: Scheintot oder quicklebendig?
Branchen-Pionier Brian O’Kelley hat Programmatic für tot erklärt. Dabei zeigen Daten zugleich Wachstum und neue Spielfelder. Wie passt das zusammen?
Jens Vossvor 21 Tagen

Kaum jemand hat Programmatic so geprägt wie Brian O’Kelley – und kaum jemand es so konsequent in Frage gestellt. Bereits vor gut zehn Jahren erklärte der AppNexus-Mitgründer das damalige Paradigma für überholt: zu kompliziert, zu ineffizient. Sein Gegenentwurf: weg vom Auktions-Wildwuchs, hin zu „programmable“ Werbung – flexibel, transparent, steuerbar.
Später sprach er vom „deeply troubled“ Ökosystem. Die Branche habe technische Komplexität aufgebaut, dabei aber Wirkung, Einfachheit und Nachhaltigkeit aus dem Blick verloren. O’Kelley kritisiert Ineffizienzen im offenen Web – von Streuverlusten bis zu vermeidbarem Energieaufwand (Stichwort: CO²-Fußabdruck). Im Sommer 2025 untermauerte er seine Diagnose: „Programmatic Advertising ist tot“, sagte er bei MEEDIA. Das Open-Auction-Modell passe nicht mehr zu CTV, Social oder Retail Media. Direkter Einkauf könne oft effizienter sein.
Der Markt wächst …
Die Diagnose tut weh. Deckt sie sich mit den Daten? Fakt ist: Digitale Werbung legt weiter zu. Für 2026 prognostiziert der Online-Vermarkterkreis (OVK) im BVDW aktuell ein Plus von 8,7 Prozent auf rund 8,2 Milliarden Euro (Online-Display und -Video). Der programmatische Anteil steigt auf 80 Prozent. Das entspricht etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit bleibt Programmatic das Rückgrat. OVK-Chef Rasmus Giese: „Digitale Werbung zeigt sich in Deutschland nach wie vor krisenresistent.“
Europaweit zeichnet der AdEx-Benchmark ein ähnliches Bild: kräftiges Wachstum. Budgets folgen Kanälen, in denen Identität, Kontext und Messung zusammenfinden. Treiber sind Video, Connected TV und Retail Media.
… Programmatic bleibt
Das stützt O’Kelleys Kernthese vom Paradigmenwechsel – widerspricht aber dem Abgesang: Programmatic ist nicht tot, der Schwerpunkt verlagert sich. Weg von breiten Open-Auctions, hin zu kuratierten Angeboten, klar definierten Qualitätsumfeldern und belastbarer Messung. Während O’Kelley das alte Auktionsmodell zu den Akten legt, verschieben sich also die Leitplanken. Programmatic bleibt quicklebendig – in neuem Outfit.
O’Kelleys Thesen: So muss Programmatic heute aussehen
- Weg vom breiten Open-Auction-Modell zu kuratierten, transparenteren und direkteren Handelswegen.
- Qualitätsumfelder und überprüfbare Auslieferung statt Streuverlusten. Echte Sichtbarkeit zählt.
- Wirkung vor Klicks: Erfolg an nachweisbaren Effekten ausrichten – statt an Metriken, die Kaufentscheidungen nicht abbilden.
- Effizienz als Leitgröße: Verschwendung und Energiebedarf pro Ergebnis senken. KI-Entscheidungen müssen erklärbar sein.
- Multi-Channel neu denken: CTV, Social und Apps erfordern ein anderes, weniger über-standardisiertes, stärker individualisiertes System.
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