HR & Recruiting
Dunning-Kruger-Effekt: Wenn Halbwissen gefährlich wird
Menschen mit wenig Wissen überschätzen oft ihre eigenen Fähigkeiten – während sie die Leistungen kompetenterer Menschen verkennen. Warum Halbwissen oft mit echter Kompetenz verwechselt wird.
Jens Voss21 days ago

Im Berufsalltag wirkt Selbstsicherheit oft wie ein Kompetenzsignal. Wer klar auftritt, schnelle Antworten parat hat und die eigene Leistung hoch einschätzt, erscheint schnell überzeugend. Das Problem: Gerade Menschen mit wenig Wissen oder Erfahrung neigen oft dazu, sich besonders sicher zu fühlen.
Ein kurioses Beispiel lieferte 1995 ein Bankräuber in Pittsburgh. Am helllichten Tag überfiel er unmaskiert zwei Bankfilialen. Er war überzeugt, für Überwachungskameras unsichtbar zu sein, weil er sein Gesicht mit Zitronensaft eingerieben hatte. Vier Jahre später erhielt die skurrile Geschichte ihren wissenschaftlichen Unterbau: Die amerikanischen Psychologen David Dunning und Justin Kruger machten das Muster mit einer Studienreihe weltbekannt.
Die Selbstüberschätzung der Inkompetenten
Im Rahmen ihrer Untersuchungen hatten Dunning und Kruger Studentinnen und Studenten unter anderem Logik- und Grammatiktests bearbeiten lassen. Danach sollten die Teilnehmenden einschätzen, wie gut sie im Vergleich zu den anderen abschnitten.
Das Ergebnis: Ausgerechnet diejenigen mit den schlechtesten Ergebnissen glaubten, die besten Lösungen gefunden zu haben. Und nicht nur das: Als sie die Tests der besseren Probandinnen und Probanden einsehen durften, waren sie immer noch von ihrer vermeintlichen Überlegenheit überzeugt.
Nicht nur auf dem Fußballplatz
Der Dunning-Kruger-Effekt begegnet uns nahezu überall. Man muss dafür nicht einmal auf die nächste Fußball-WM warten, bei der Millionen Fans meinen, bessere Entscheidungen treffen zu können als das professionelle Trainerteam. Auch im Berufsalltag zeigt sich das Muster: Menschen mit wenig Erfahrung treten häufig besonders sicher auf, während kompetentere Kolleginnen und Kollegen differenzierter urteilen und die eigenen Grenzen klarer sehen.
Unser Alltag ist geprägt von schiefen Selbsteinschätzungen. Die meisten jungen männlichen Autofahrer glauben etwa, besser fahren zu können als der Rest der Bevölkerung. Dabei sind sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes das größte Unfallrisiko auf deutschen Straßen.
Auch Jobneulinge überschätzen sich häufig, wie Dunning und Mitautorin Carmen Sanchez in einer späteren Untersuchung herausgefunden haben. Sie sprechen hierbei von einer „Anfängerblase der Selbstüberschätzung“. Ein wenig Erfahrung reiche – schon übersteigt das Ego die eigene Leistung.
Gerade im Recruiting kann das problematisch werden. Wer sich im Bewerbungsgespräch sehr sicher präsentiert, wirkt schnell kompetent. Doch Selbstgewissheit und tatsächliche Eignung sind nicht dasselbe.
Warum sich Halbwissende für besonders klug halten
Warum aber überschätzen wir so oft unsere eigenen Leistungen und Kompetenzen? Der Sozialpsychologe Hans-Peter Erb sieht darin ein völlig normales Phänomen: „Wir alle haben ein positives Selbstbild, das wir aufrecht halten wollen.“ Wer sich leicht selbst überschätzt, sei eher erfolgreich. Denn dann traue man sich Aufgaben zu, die man nach realistischer Einschätzung vielleicht gar nicht angegangen wäre.
Wenn diese Aufgaben dann womöglich durch Glück oder mit Hilfe anderer zum Erfolg führen, entsteht leicht das Gefühl, alles richtig zu machen. So können manche Menschen auch mit Oberflächenwissen und guter Selbstinszenierung erfolgreich sein. Zumindest kurzfristig.
Doch irgendwann kommt der Kipppunkt. Weil Halbwissende dazu neigen, sich selbst zu überschätzen und zugleich die Beiträge anderer zu verkennen, sehen sie auch nicht die Notwendigkeit, sich weiterzubilden und ihre Kompetenz zu steigern.
Was also tun gegen diesen blinden Fleck? Ein erster Schritt ist die Einsicht, dass wir alle dazu neigen, uns selbst zu günstig zu beurteilen. Der viel zitierte gesunde Menschenverstand reicht eben oft nicht aus, um komplexe Probleme zu durchdringen.
Gerade in Recruiting, Führung und Teamarbeit ist das heikel: Wer Selbstsicherheit mit Substanz verwechselt, belohnt am Ende womöglich den lautesten Auftritt statt die beste Leistung. Besonders problematisch wird das in Führungsetagen. Denn wenn laute Selbstgewissheit dort als Stärke gilt, prägt sie auch die Kultur darunter: Teams lernen dann, dass Auftreten wichtiger ist als Urteilskraft, Reflexion und tatsächliche Kompetenz.
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